Die Kampffeldhohlbauten: Das unsichtbare Netz der Festung Ingolstadt
Wer an die Landesfestung Ingolstadt denkt, hat meist die massiven Ziegelbauten der Kavaliere oder die großen Forts vor Augen. Doch ab ca. 1890 vollzog sich ein strategischer Wandel, der das Verteidigungskonzept grundlegend veränderte: Die Hauptverteidigung verlagerte sich aus den Werken heraus in die Intervalle – die Freiräume zwischen den Forts.
Um diese Lücken zu schließen, entstand ein weitläufiges, heute fast vergessenes Netz aus sogenannten Kampffeldhohlbauten. Dieser Artikel beleuchtet die letzte große Modernisierungsphase der Festung, die standardisierte Architektur dieser Schutzräume und ihr tragisches Ende nach dem Zweiten Weltkrieg.
Strategischer Wandel: Der Blick nach Westen
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Festungsleitung die Überzeugung, dass ein "wahrscheinlicher Gegner" – womit im damaligen politischen Klima primär Frankreich gemeint war – aus Westen oder Nordwesten anrücken würde. Man rechnete dabei nicht unbedingt mit einer langwierigen Belagerung, sondern mit einem "abgekürzten Verfahren", bei dem der Feind schwerste Artilleriekaliber einsetzen würde.
Die Antwort der Ingolstädter Festungsbauer war die massive Verstärkung der Zwischenräume. Die großen Forts dienten weiterhin als Rückgrat, doch die Flexibilität lag im Gelände dazwischen. Hier wurden Anschlussbatterien errichtet – zusätzliche Geschützstellungen hinter einfachen Wällen, flankiert von den Forts.
Architektur und Standardisierung
In dieser letzten Ausbauphase entstanden insgesamt 51 eigenständige Bauwerke. Die schiere Menge machte eine starke Standardisierung der Pläne notwendig – anders wäre das Bauvolumen logistisch kaum zu bewältigen gewesen.
Die Bauten unterteilten sich in zwei Hauptkategorien:
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Infanterie-Untertretraum (I-Raum): Diese etwas größeren Bauten lagen meist auf einer Linie mit den Forts und boten Schutz für die kämpfende Truppe.
Kapazität: Ein I-Raum war für eine komplette Kompanie ausgelegt (4 Offiziere und 250 Mann).
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Munitionsraum (M-Raum): Diese waren teils in die Anschlussbatterien der Forts integriert (24 Stück), teils als selbstständige Lager für die Feldartillerie im Gelände verteilt (17 Stück). Die selbstständigen M-Räume lagen oft etwas nach hinten versetzt, um den Nachschub geschützt zu lagern.
Kapazität: Ein M-Raum fasste die Munitionsration einer Batteriegruppe für drei Kampftage.
Auch die Zwischenwerke, wie etwa das Zwischenwerk Großmehring, zeigen in dieser Phase einen deutlich moderneren Entwurf. Das Zwischenwerk Station Manching wies sogar starke bauliche Ähnlichkeiten mit den Infanterie-Räumen auf.
Ein technisches Novum stellte der M-Raum Hepberg (Nordfront, erbaut 1893–95) dar: Er war das erste Werk der Festung, das ausschließlich aus Beton gegossen wurde – ein Vorbote der modernen Bunkerarchitektur des 20. Jahrhunderts.
Das Ende der Hohlbauten
Das Schicksal dieser fortschrittlichen Bauten wurde 1946 besiegelt. Im Rahmen der Entfestigungsmaßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sämtliche Kampffeldhohlbauten von den Alliierten gesprengt. Heute finden sich in den Wäldern rund um Ingolstadt oft nur noch überwucherte Trümmerfelder, die von der einstigen Dichte des Verteidigungsrings zeugen.
Der letzte Zeuge: Nur ein einziges Bauwerk dieser Art ist erhalten geblieben – der Munitionsraum der linken Anschlussbatterie des Fort Prinz Karl. Er bietet heute die seltene Gelegenheit, die Architektur dieser Ära im Originalzustand zu studieren.
Dokumentation der Verteidigungsabschnitte
Für den Ernstfall war der Gürtel um Ingolstadt in Verteidigungsabschnitte gegliedert, denen die Hohlbauten fest zugeordnet waren. Nachfolgend sind die historischen Standorte und Bauphasen dokumentiert.
Die Westfront (Schwerpunkt der Verteidigung)
Bauzeitraum: 25. August 1891 – 31. Mai 1893 Hier entstanden vier I-Räume und neun M-Räume. Dieser Abschnitt deckte den Bereich zwischen Gaimersheim und der Donau ab und galt als die am stärksten bedrohte Flanke.
Historischer Bestand (Abschnitt IV):
- Infanterieuntertretraum Nr. 6 (GebNr. 196): Ca. 300 m nordöstlich des Zwischenwerks Friedrichshofen.
- Infanterieuntertretraum Nr. 7 (GebNr. 197): Ca. 400 m südwestlich des Zwischenwerks Friedrichshofen.
- Infanterieuntertretraum Nr. 9 (GebNr. 198): Zwischen Fort Hartmann und Zwischenwerk Gerolfing.
- Munitionsraum Nr. V (GebNr. 204): Ca. 1000 m südlich des Fort von der Tann.
- Munitionsraum Nr. VI (GebNr. 205): Ca. 500 m östlich des Zwischenwerks Friedrichshofen.
- Munitionsraum Nr. VII (GebNr. 206): Ca. 600 m östlich des Fort Hartmann.
- Munitionsraum Nr. IX (GebNr. 207): Ca. 900 m östlich des Zwischenwerks Gerolfing.
Die Südwestfront
Bauzeitraum: 9. September 1891 – 27. Dezember 1892 In diesem Bereich südlich der Donau (Hagau/Zuchering) wurden drei I-Räume und zwei M-Räume errichtet.
Historischer Bestand (Abschnitt V):
- Infanterieuntertretraum Nr. 2 (GebNr. 208): Zwischen Hagau und dem Zwischenwerk Rosenschwaige.
- Infanterieuntertretraum Nr. 4 (GebNr. 209): Ca. 250 m östlich von Hagau.
- Infanterieuntertretraum Nr. 5 (GebNr. 210): Ca. 500 m östlich von Fort X (Zuchering).
- Munitionsraum Nr. I (GebNr. 211): Ca. 1300 m nordwestlich von Fort X.
- Munitionsraum Nr. II (GebNr. 212): Ca. 900 m nördlich von Fort X.
Die Ostfront
In diesem Abschnitt (Großmehring – Kösching) entstanden zwei I-Räume, vier M-Räume sowie ein spezieller Raum für Artilleristen und Munition (A. u. M).
Historischer Bestand (Abschnitt I):
- Infanterieuntertretraum Nr. 1 (GebNr. 217): Ca. 450 m nordwestlich des Zwischenwerks Großmehring.
- Infanterieuntertretraum Nr. 2 (GebNr. 218): Am Südhang des Laimbergs.
- Artillerie- u. Munitionsraum (GebNr. 219): Auf dem Mehringer Berg.
- Munitionsraum Nr. II (GebNr. 220): Am Westhang des Laimbergs.
- Munitionsraum Nr. III (GebNr. 221): An der Zufahrt zum Kleinen Weinberg.
- Munitionsraum Nr. V (GebNr. 222): Bei der Zehenthöhe (Kösching).
- Munitionsraum Nr. VII (GebNr. 223): Am Fuße des Eichelbergs.
Die Nordfront
Bauzeitraum: 1893 – 1895 Dieser Bereich umfasste die Abschnitte zwischen Kösching, Hepberg und Gaimersheim.
Historischer Bestand (Abschnitt II & III):
- Infanterieuntertretraum Nr. 4 (GebNr. 215): Ca. 500 m östlich von Hepberg.
- Munitionsraum Nr. IV (GebNr. 216): An der Kriegsstraße bei Hepberg.
- Munitionsraum Nr. V (GebNr. 235): Südwestlich von Hepberg.
- Infanterieuntertretraum Nr. 1 (GebNr. 195): Östlich von Fort III a (Wettstetten).
- Munitionsraum Nr. I bis IVb (GebNr. 199–203): Eine Gruppe von fünf Munitionsräumen rund um Etting und Fort von der Tann, die die hohe Bedeutung der Artillerie in diesem Sektor unterstreicht.
Hinweis: Im Abschnitt VI (östlich der Bahnlinie München-Ingolstadt und der Donau) wurden keine Kampfhohlbauten errichtet. Die offenen Auwälder und Überschwemmungsgebiete erforderten hier eine andere Verteidigungsstrategie.