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Der Bau des Fortgürtels

Die Ingolstädter Forts gingen auf einen Entwurf zurück, den das preußische Ingenieur-Komitee unmittelbar nach dem Kriege von 1870/71 für Straßburg erstellt hatte. Hieß es damals noch ausdrücklich, dass es sich hier nicht um eine „Normal- konstruktion" handle, so wurde dieser Entwurf aber tatsächlich die Basis für das Normalfort der Siebziger Jahre, wie es - in unterschiedlicher Größe und mit geringen Abweichungen - im ganzen Deutschen Reich gebaut wurde.

Das Fort hatte die Form einer Lünette mit einem sehr stumpfen Saillantwinkel. Die Kehle verlief zunächst parallel zur Face und wurde dann einwärts gebrochen. Dadurch entstanden Kehlflanken - aus ihnen wurde der Kehlgraben bestrichen - und gleichzeitig eine bastionierte Front. An der Kehle befand sich auch die zweistöckige, kasemattierte Kaserne, welche den wichtigsten Unterbringungsraum für die Besatzung und ihre Bedürfnisse darstellte. Da die Werke durch feindliches Geschützfeuer von rückwärts nicht gefährdet schienen, erhielt die Kehlkaserne große Fenster, welche im Verteidigungsfall durch Stahlläden gesichert wurden.

Eine hohe Kapitaltraverse teilte das Innere des Forts in zwei Höfe, über welche die zum Frontwall führenden Rampen und die unter den Schultern liegenden Laborierräume der Artillerie erreicht werden konnten. Von letzteren führten Poternen zu den Schulterkaponnieren. Bei diesen handelte es sich um Halbkaponnieren, da von ihnen aus nur in eine Richtung (nach rückwärts) zur Bestreichung des Grabens vor der Flanke gefeuert werden konnte. In diesen Flanken lagen große Kriegspulver- magazine.

Unter der Kapitaltraverse führte die sogenannte Kapitalpoterne vom Tor des Forts in gerader Linie zunächst aufsteigend zu den an der Rückseite des Frontwalles liegenden Bereitschaftsräumen, danach absteigend bis fast auf die Höhe der Grabensohle zu der an der Spitze gelegenen Saillant- kaponniere, welche nach beiden Seiten die Gräben vor den Facen bestrich.

Nach den Erfahrungen des Krieges von 1870/71 ent- standen hier reine Artillerie- forts, in denen die Infanterie eine untergeordnete Rolle spielte. Die Werke - ganz gleich, ob mit nassem oder trockenem Graben - galten als sturmfrei, was bedeutete, dass der Angreifer diesen ohne Hilfsmittel wie Leitern oder Bretter nicht überwinden konnte und zudem bei einem solchen Versuch hohe Verluste durch das flankierende Feuer aus den Kaponnieren zu gewärtigen hätte. Die nassen Gräben der Forts südlich der Donau sollten eine Breite von 30 bis 40 Metern, dazu die „militärische Wassertiefe" von 1.80 Meter bekommen. Letztere zwang - im Hinblick auf die damalige durchschnitt- liche Körpergröße der Menschen -einen angreifenden Soldaten in der Regel zum Schwimmen, wenn ihm keine anderen Hilfsmittel zur Verfügung standen. Der trockene Graben der Forts nördlich der Donau war neun Meter breit und sechs Meter tief, er war durch eine freistehende krenelierte Mauer an den Facen und Flanken von der Wallböschung getrennt, so dass Angreifer hier auch noch mit frontalem Infanteriefeuer zu rechnen hatten.

Untersucht man die Ingolstädter Forts nach dem Baubeginn, dann ist nicht zu übersehen, dass mit den drei Forts südlich der Donau begonnen wurde und dass das nach Osten gerichtete Fort VI folgte, bevor man mit Fort II das erste Werk der Westfront in Angriff nahm. Es ist dies ein nicht zu übersehender Hinweis, dass die Armee noch Mitte der Siebziger Jahre einen Angriff aus Österreich für wahr- scheinlicher erachtete, als einen Angriff aus Westen (Frankreich). Für den Bau des Fortgürtels waren 12 Millionen Mark Reichsmittel aufgewen- det worden. Wegen der geschilderten Schwierigkeiten mit der Bodenbeschaffenheit sah sich das Königreich Bayern aber gezwungen, noch rund 950 000 Mark aus dem eigenen Haushalt zuzuschies- sen.

Die Verstärkung gegen die Brisanzgranaten

Die Forts waren noch gar nicht alle übergeben, als die Artillerie mit der Einführung der Brisanzgrananten einen weiteren revolutionären Schritt nach der rund 30 Jahre zuvor erfolgten Einführung der gezogener Geschütze machte. Versuche zeigten sehr schnell die stark gewachsene Zerstörungskraft der neuen Geschosse, denen die Decken der vorhandenen Werke bei einer Beschießung nicht standhielten.
Klar erkannte man auch, dass die Tage des bisherigen Artillerieforts gezählt waren, weil die gewachsene Zerstörungskraft die auf engem Raum im Fort konzentrierte Artillerie schnell zerschlagen musste. Die Forts sollten jetzt primär durch Infanterie verteidigt werden, wobei man auch der Infanteriestellung zwischen den Forts höhere Bedeutung beimaß.
Die schwere Artillerie sollte daher in Anschlussbatterien bei den Forts ihre Hauptstellung finden und die Intervalle zwischen den Forts durch Zwischenwerke und Infanterieuntertreträume ver- stärkt werden.
Der Wert der Panzerung war zwar erkannt worden, aber diese war zu teuer. Dagegen sah man mit der Errichtung permanenter Munitionsräume im Frieden ein geeignetes Mittel, um die Abwehrkraft der Artillerie zu verstärken. Auf jeden Fall hatte die Verstärkung der Fortlinie Vorrang, dagegen verlor die Hauptumwallung der Stadt an Bedeutung, da an Mittel zu deren Verstärkung nicht mehr zu denken war.
Auch das Reich musste sich einschränken: So sollten nur noch 18 deutsche Festungen erhalten und verstärkt werden. Immerhin hatte Ingolstadt noch einen Sonderstatus, denn es sollte zusammen mit Mainz eine erhöhte Widerstandskraft gegen den abgekürzten förmlichen Angriff bekommen. Auch in den weiteren Verhandlungen wurde deutlich, dass das preußische Kriegsministerium Ingolstadt die gleiche Bedeutung wie Mainz zumaß. Bayerische Bemühungen um Reichsmittel setzten dann auch schon ab 1883 ein.
Ein weiterer Grund für eine schnelle Entscheidung in Deutschland war der Aufstieg des Generals Boulanger in Frankreich,

der Kriegsminister wurde und danach eine revanchistische und antideutsche Massenbe- wegung führte. Die Gefahr eines Krieges war groß. Im März 1887 -Boulanger genoss als Kriegsminister gerade höchste Popularität - fiel eine Entscheidung zugunsten der bayerischen Forderungen betreffend Ingolstadt und im Nachtrag zum Reichshaushalt 1887/88 sind für die bayerischen Festungen Ingolstadt und Germersheim 12 Millionen Mark bewilligt worden, von denen aber der Löwenanteil an die Donau gehen sollte, während die Rheinfestung als minder wichtig betrachtet wurde.
Bei einer Kriegsbesatzung von 30.000 Mann und einem Bestand von 400 Geschützen wurde der Festung eine hohe Widerstandskraft beigemessen und man rechnete mit keinem Gegner, der für einen förmlichen Angriff stark genug sei. Bei den Forts sollte sich - nach dem Abzug der schweren Artillerie - die Besatzung von 1.000 Mann um die Hälfte verringern, weshalb nur ein geringer Teil der Kasematten und Poternen durch eine Betondecke und ein Sandpolster zu verstärken waren. Da das Steilfeuer der Artillerie auch immer gefährlicher wurde, verzichtete man auf eine Verstärkung der Kaponnieren und richtete den Hauptwall zur Infanterie-Verteidigung ein. Schutz gegen ein Kaliber von 21 Zentimetern der Angriffsartillerie wurde für ausreichend gehalten. Die Saillanttraverse sowie zwei weitere Walltraversen wurden zu Schutzhohlräumen umge- baut. Hier sollten Kanonen leichteren Kalibers unterge- bracht werden, die keinen Feuerkampf gegen die Artillerie des Angreifers führen sollten, die man vielmehr zur Abwehr des entscheidenden gegneri- schen Sturmes aufsparen wollte.
Schließlich wurden Anschluss- batterien gebaut, welche sich an die Forts anlehnten. Dabei wurden auch bombensichere Hohlräume für die Geschütz- bedienungen und die Munition errichtet.