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Die Hauptumfassung

Einen Festungsentwurf, der den Vorstellungen König Ludwigs I. entsprach, legte Ingenieur-Oberst Michael von Streiter vor. Der König genehmigte den Entwurf, setzte aber zugleich seinen Geheimen Oberbaurat von Klenze zur architektonischen Überarbeitung der technischen Entwürfe des Obersten von Streiter ein und legte „aller- höchstpersönlich" den Grundstein zur Festung am 24. August 1828 in der ersten Vorfeste, der „Veste Tilly" rechts der Donau, welche als Brückenkopf diente und die man später vereinfachend auch so bezeichnete.
M.v.Streiter, zum Festungsbau- direktor ernannt und zum Generalmajor befördert, hatte ein Festungssystem vorgeschla- gen, dessen Hauptumfassung aus einer Aneinanderreihung kon- vexer und konkaver Mauer- abschnitte, flankiert von frei stehenden Kanonentürmen und aus bis zu vier Vorfesten links der Donau und einer Vorfeste rechts der Donau bestand. v.Klenze hatte auf der Verwendung von sachlich und künstlerisch bearbeitetem Naturstein beim Sichtmauerwerk der Festungs- werke bestanden, so wie sich noch heute die drei Türme Triva, Baur und Reduit Tilly der Veste Tilly präsentieren. Die großen Mauermassen der Festungs- werke gaben nicht nur zahlreichen Steinmetzen Arbeit, sondern boten auch die Chance, junge Menschen in diesem Beruf auszubilden.

Festungsbaudirektor M.v.Strei- ter hatte sich all die Jahre den Argumenten einer Gruppe opponierender bayerischer Offiziere zu erwehren. Sie beurteilten die weitgehend ungedeckten Mauern seiner Festungswerke als leicht breschierbar und deren Fronten als nicht genügend flankierbar; man brauche keine krummlinigen Fronten, um sich gegen die Enfilade, also den Beschuss von der Seite her und gegen den Ricochetschuß, also gegen die als Roller geschossene Kanonenkugel, ausreichend zu sichern! Das wichtigste Gegenargument aber waren die hohen Kosten des gewählten Baumaterials und dessen Bearbeitung.

In der damals bestehenden „Spezialkommission zur Be- festigung Ingolstadts" legte das Mitglied Oberst Wilhelm von Heideck seinen Plan zur Befestigung der Stadt Ingolstadt auf dem linken Donauufer vor. Er wollte gerade, mit möglichst stumpfen eingeschlossenen Winkeln aneinanderstoßende Fronten um die Stadt legen Die so genannte Hauptumfassung entsprach nun einem Polygon, bestehend aus fünf gleichen, also „Regelmäßigen Fronten" und inklusive der Kehlfronte drei durch die Kosten, durch das nasse Baugelände und durch die Funktion erzwunge- nen nicht gleichen, also „Unregelmäßigen Fronten".

Vor der Mitte jeder Regelmäßigen Fronte und gut gedeckt im Festungsgraben plante von Heideck den Bau einer sogenannten Kaponniere, eines doppelten Grabenkoffers, von wo aus der Graben nach beiden Seiten lückenlos mit Kanonen bestrichen werden konnte.
Oberst von Heideck schlug außerdem vor, die neue Hauptumfassung der Stadt als Erstes und mit solchem Abstand zur alten Stadtmauer zu bauen, dass eine großzügige Esplanade als Lagerfläche entstand. Drei Vorfesten sollten nach Fertigstellung der Hauptumfassung als detachierte Forts der Hauptumfassung vorgelagert werden.

Im April 1832 übernahm Oberst Peter Becker als Direktor die Leitung des Festungsbaues in Ingolstadt. Er entwickelte aus den Ideen des Obristen W.v. Heideck baureife Pläne und setzte Backsteine als billigeres Bau- material statt behauener Natursteine durch, eine Ent- scheidung, welche beim Vergleich des Erscheinungsbildes des Reduits Tilly mit z.B. dem Kavalier Heideck augenscheinlich wird.
Die Grundsteinlegung für die Hauptumfassung links der Donau nahm Feldmarschall Fürst Wrede am 25. August 1834 in der Spitze der Kaponniere der Fronte Raglovich vor.
Noch während der Bauzeit der Hauptumfassung erkannte man die Notwendigkeit einer Verstärkung der Unregelmäßigen Fronten, vor welche man deshalb eine Enveloppe, hier in Ingolstadt also einen starken Erdwall, legte und so auch im Westen der Festung eine Esplanade und zusätzlich einen gesicherten Hafenplatz gewann.
Bereits im Jahre 1849 bezeichnete der nunmehrige Festungsbaudirektor Major J. Schmauß die Hauptumfassung der neuen Festung Ingolstadt als „sturmfrei und verteidigungs- fähig", wenn auch deren letzte Festungswerke erst 1852 völlig fertiggestellt waren; jedoch als Lagerfestung konnte man sie nicht einstufen, denn es fehlten noch die Vorfesten.
Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts war gekenn- zeichnet durch eine stufenweise Anpassung der Festungen an die technische Weiterentwicklung der Angriffswaffen, insbesondere der Artillerie. Überschlägig betrachtet erfolgten die Anpassungen und Verstärkungen in Abständen von ca. 10 Jahren:

Ca. 1830 Baubeginn
Ca. 1840 Errichtung der Enveloppe der Unregelmäßigen Fronten
1850 Bauvollendung;
bald darauf Bepflanzung der Festungsgründe als Masken für die Festungswerke
Ca. 1860 Bau der perma- nenten Konterminen der Regelmäßigen Fronten;
Verstärkung der Unregel- mäßigen Fronten durch Blockhäuser, durch zusätzliche kasemattierte Batterien und krenelierte, also mit Schießscharten versehene Mauern
1866 Bau eines Ringes von passageren Feldschanzen, Feldwerken und Hauptfeld- werken. Ingolstadt konnte nun als Lagerfestung bezeichnet werden.
Auch der Centralbahnhof wurde im Schutz des Gürtels von Feldwerken angelegt.
Ca. 1870 Weiterbau der drei Hauptfeldwerke links der Donau zu permanenten Vorfesten mit permanenten Konterminen
Bis 1871 trug das Königreich Bayern die Baukosten der Festung Ingolstadt; die Kosten aller späteren Bauten trug das Deutsche Reich.
Um 1880 Bau eines neuen, des äußeren Ringes von Forts; Vorbilder waren die Erfahrungen aus dem Krieg 1870/71 und das Einheitsfort des preuß. Ingenieur-Corps.
Um 1890 Verstärkung des äußeren Fortgürtels gegen die Brisanzgranaten und sein Umbau zu einem Gürtel von Infanterie-Hauptstützpunkten, Bau permanenter Anschluss- batterien.
Bis 1895 Bau von Munitions-Depots, Infanterie-Untertret- räumen, Batteriestellungen und weiterer Kriegsstraßen.

Noch vor 1900 endete jeglicher fortifikatorische weitere Ausbau der Festung Ingolstadt. Die Tendenz ging hin zu Zwischen- batterien unter Panzer; und das hätte für die Festungen des Deutschen Reiches unbezahlbar viel gekostet. Man musste sich daher bei der Panzerung zwangsläufig auf einige wenige Grenzfestungen beschränken.
Für die kgl. bayer. Landesfestung Ingolstadt wurde noch vor dem 1.Weltkrieg die Aufhebung der Festungseigenschaft beim Deutschen Kaiser beantragt, eine Entscheidung jedoch 1916 wegen des Kriegsgeschehens zurückgestellt.
Nach dem verlorenen 1.Weltkrieg musste die Festung Ingolstadt vertragsgemäß entwaffnet wer- den und durfte auch keinerlei bauliche Verbesserungen erfah- ren. Trotzdem wurde die Festung anlässlich von Manövern der Reichswehr immer wieder als starker Stützpunkt und gesicherter Donauübergang in die Verteidigungsüberlegungen gegen angreifende Armeen aus dem Süden und aus dem Osten einbezogen.

1936 bot der Festungskom- mandant die Forts als Munitions-Depots für die im Aufbau begriffene Wehrmacht an. Später dienten einzelne Forts sogar als „verlängerte Werkbank" für die Munitions- anstalten im Ingolstädter Bereich. Letzteres war der siegenden US-Armee angeblich unbekannt.
Die Festungseigenschaft Ingol- stadts war übrigens im Herbst 1938 von der Reichsregierung aufgehoben worden. Dies hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Werke der ehemaligen Festung Ingolstadt den 2.Weltkrieg weitgehend unver- sehrt überstanden haben. Umso lückenloser sprengte die amerikanische Besatzungs- macht die beiden im Zeitalter der Atombombe fast schon musealen Fortgürtel und die bürgerliche deutsche Verwal- tung ließ die Hauptumfassung abbrechen. Letzteres drängt sich beim Studium der Vorgänge nach Kriegsende geradezu auf.

Der Förderverein ist bestrebt, die verbliebenen Festungswerke vor dem weiteren Verfall zu bewahren und sie einer schonenden, aber dauerhaften Nutzung zuzuführen. Als vordringliche Beispiele sollen hier das Fort Prinz Karl, das einzige erhalten gebliebene Fort beider Gürtel und die südliche Hälfte der Fronte Rechberg, das einzige erhalten gebliebene Beispiel einer Regelmäßigen Fronte, außerdem der Anschluss der ehemaligen Regelmäßigen Fronte Pappenheim an die Unregelmäßige Fronte Butler mit dem Schutterhof und der ehemaligen Durchführung der Schutter durch die Festungswerke, ein geschlossenes Ensemble, angeführt werden. Mit dem Abbruch der Gebäude der ehemaligen Geschützgießerei und Geschossfabrik wurden auch die Fundamente der Kaponniere der Fronte Raglovich freigelegt. In deren Spitze ist der zweite Grundstein der Festung eingemauert. Er hätte zumindest eine Hinweistafel verdient.
Vielleicht gelingt es auch noch, die eine oder andere Ruine eines Infanterie-Untertretraumes und eines Munitions-Depots und die Ruinen des Forts IIIa, eines der beiden Forts mit gepanzertem Geschützturm, auf der Gemeindegrenze Wettstetten - Etting und des Zwischenwerkes Großmehring, des jüngsten und modernsten Zwischenwerkes mit seinen Reverskasematten zur Grabenbestreichung, als Denkmäler für den Willen unserer Vorfahren, ihre Heimat zu schützen, zu gestalten.

Video über einen Festungsgang